Selbstständigkeit – ein lohnendes Lebensmodell?

Selbstständigkeit – hört sich zunächst nach Freiheit an. Selbstständiges Arbeiten, selbstständig Entscheidungen treffen, wichtig sein, viel Geld verdienen. Und gleichzeitig drei Mal im Jahr Urlaub machen und am liebsten nach 10 Jahren in Rente gehen. Super, nehme ich! Wäre da nicht die verflixte Realität.

Ohne Berufserfahrung ein Geschäft eröffnen

Denn hinter Selbständig verbirgt sich “selbst” und “ständig”. Dass dies keine bloße Floskel aus Omas Mottenkiste ist, ist vielen jungen Menschen, die von der Selbständigkeit träumen, nicht bewusst.

Ein Geschäft ist heute in vielen Bereichen schnell eröffnet. Die Euphorie ist groß. Jetzt geht es los. Aber Moment, was denn eigentlich genau? Was muss los gehen, damit ein Geschäft langfristig überleben kann? Viel zu oft lassen mangelnde Berufserfahrung, Selbstüberschätzung und fehlende Grundlagen der Betriebswirtschaft, die anfängliche Euphorie und die Träume schnell platzen.

Ein gesunder (selbstfinanzierter) Betrieb benötigt schnell Kunden und Umsätze. Und beides in einer zu oft unterschätzten Größenordnung und Kontinuität. Plötzlich arbeitet ihr “rund um die Uhr”, um dieser Anforderung gerecht zu werden. Und das nicht für ein paar Wochen oder Monate, sondern in der Regel für mehrere Jahre.

Denn das Geschäft muss erstmal dahin kommen, dass es sich selbst und auch noch Euch dazu trägt. Der Umsatz, den ihr generiert, muss natürlich alle Kosten decken. Dazu gehören z. B. die Betriebs-und Werbekosten, Miete, Material, Personalkosten bzw. Euer Einkommen,…und ein Steuerberater. Ja, genau.

Einen Steuerberater solltet ihr wirklich haben. Denn ganz wichtig und oft vergessen werden die Steuern. Umsatzsteuer, Einkommensteuer, Gewinnsteuer (falls was übrig bleibt), Gewerbesteuer usw. Sie zahlen sich nicht von alleine. Werden sie mal vergessen oder vernachlässigt, bringen sie Geschäfte zum Fall. Das passiert leider viel zu oft.

(Übrigens ist genau das der Grund, warum wir im Rahmen unserer Weiterbildung einen BWL Workshop mit allen wichtigen Grundlagen für eine Existenzgründung im Kosmetik Bereich anbieten. – Hier gehts zur Anmeldung.)

Bist Du wirklich für die Selbstständigkeit gemacht?

Lassen wir die wirtschaftlichen Grundlagen bei Seite. Ihr solltet Euch selbstkritisch hinterfragen, ob ihr wirklich selbständig sein wollt. Auch wenn dies mehrere harte Jahre voller Misserfolge, Enttäuschungen und übermäßig viel Arbeit bedeutet. Nur wenn Ihr Euch in einem negativen Szenario mehrere Jahre durchhalten seht, habt ihr Chancen zu überleben.

Sich einzugestehen, dass man das eben nicht ist, bedeutet keine Niederlage. Ganz im Gegenteil. Man sollte sich seine Schlachten sehr schlau aussuchen. Selbständigkeit ist nicht für jeden. Und erfolgreiche Selbständigkeit bedeutet nicht zwangsläufig mehr Geld als in einem nicht selbständigen Arbeitsverhältnis. Mehr Freiheit wahrscheinlich. Unter dem Strich mehr Geld, nur sehr selten.

Manche Menschen haben einfach viel bessere Chancen, als Angestellte ihren Weg finanziell erfolgreich zu machen. Und das, ohne sich tot zu arbeiten, für jeden Fehler gleich drauf zu zahlen und, falls es echt mies läuft, sich zu verschulden oder es sich mit dem Staat zu verscherzen.

Selbständigkeit in der Kosmetik

Gerade in der Kosmetikbranche scheint die Selbständigkeit so einfach auszusehen. Die Verlockung ist groß. Ich meine, mein Freund könnte ab morgen ohne Weiteres Augenbrauen liften. Eintrittsbarrieren existieren in der Kosmetik faktisch nicht.

Ausgerechnet in dem Bereich, wo man unmittelbar im Gesicht eines Kunden arbeitet. Lasst das mal kurz sacken: der Kunde trägt die Qualität Eurer Arbeit für alle sichtbar im Gesicht! Es ist kein Gemüse im Kühlschrank, kein Smoothie oder Steak im Bauch, keine ausmassierte Tiefenmuskulatur, keine Innennaht eines T-Shirts. ALLE können Eure Arbeit sofort sehen und beurteilen.

Ein Schuß – ein Fehler – der Kunde ist weg. So leicht es auch ist, Kosmetik auf die Fahne zu schreiben und Kosmetik anzubieten, so schwer ist es sich zu behaupten und über Jahre Kunden aufzubauen und zu halten. Ein paar Youtube Videos, ein paar billige Schulungen für 300€ am Wochenende und los geht’s? Nope. Ganz im Ernst, lasst das sein. Spart Euch die Nerven und die Zeit. Und tut es vor allem auch den Kunden und der Umwelt, die sie sehen muss, nicht an.

Erst lernen, dann Unternehmer werden!

Berufserfahrung ist überlebenswichtig! Gerade bei handwerklichen Dienstleistungen. Wenn es mal doch (auch selbständig) erfolgreich werden soll, müsst ihr es davor richtig drauf haben. Also, erst reichlich Berufserfahrung bei erfolgreichen Betrieben sammeln, in der Praxis sehen, wie ein guter Betrieb läuft, sich selbst realistisch einschätzen.

Dann erst, wenn alles stimmt, an die Selbständigkeit denken. Und nochmals ganz wichtig, Rechnen (Grundlagen BWL) und Steuern als erstes erklären lassen. Damit ihr von vorne rein wisst, dass eine Metro-Karte und BMW-Leasingraten aus nicht sauber abgeführter Umsatzsteuer eben kein Erfolg bzw. ein sehr sehr kurzlebiger Erfolg ist.

Echter nachhaltiger Erfolg kommt niemals über Nacht. Nirgendwo, auch nicht in Hollywood. Es ist knallharte jahrelange Arbeit. Stetige Verbesserung Deines selbst. Als Unternehmer unternimmst du jeden Tag etwas für den Erfolg deines Geschäfts, der sich hoffentlich irgendwann später zeigen wird. Und nicht mal dafür gibt es eine Garantie.

Ich sage es gerne nochmal. Für uns ist Kosmetik = Handwerk. Kein unausgelernter Tischlergeselle, der noch einigermaßen bei Trost ist, würde sich selbständig machen.
Auch wenn alle Tschakka-Götter mitspielen würden, hätte er keine realistische Chance, langfristig gegen echte Qualität zu bestehen.

Der Kosmetikbereich ist leider voll von eben solchen realitätsfernen Glücksrittern. Bitte werdet nicht so. Macht’s vernünftig. Damit man uns Kosmetiker ernst nimmt und nicht belächelt!

 

 

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